Public Value ist ein Forschungsprojekt über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Machen statt Meckern (Die Presse)

von Regula Troxler

29. Oktober 2009

Das ZDF und ein 18-jähriger Schüler zeigen dem ORF, was man gegen mangelndes Politikinteresse bei jungen Leuten tun kann.

Deutschland hat einen neuen Kanzler: Jacob Schrot, 18 Jahre alt, CDU-Mitglied, Motto: „Machen statt Meckern“. So zumindest wählte das deutsche TV-Publikum in der Sendung „Ich kann Kanzler“ am Freitagabend auf ZDF. Die inszenierte Kanzlerwahl hatte natürlich nicht zum Ziel, ein neues Regierungsoberhaupt zu küren. Die Sendung diente weniger einem politischen, sondern viel mehr einem gesellschaftlichen Zweck: junge Menschen für Politik zu begeistern.

Politiker tun sich ja bekanntlich auch hierzulande schwer, die junge Generation mit ihren Anliegen zu erreichen. Die gerade geschlagene EU-Wahl zeigte wieder einmal deutlich: Einem Großteil der Jungen ist politische Teilnahme egal. Die Politikverdrossenheit ist chronisch geworden. Ähnlich desinteressiert sind die Jungen am ORF. Seine Reichweite bei den 14- bis 29-Jährigen sinkt seit Jahren stark zugunsten privater Sender und des Internets.

Für einen öffentlich-rechtlichen Sender ist dies verheerend. Denn wenn sich Jugendliche über Politik informieren, tun sie dies in Massenmedien. Gemäß seinem Auftrag hat der ORF die Aufgabe, politische Bildung zu fördern, dabei die Vielfalt der Ansichten zu berücksichtigen und unabhängig zu informieren. Diese Funktion ist für die Demokratie von hoher Bedeutung und schafft einen gesellschaftlichen Nutzen: Der ORF – nicht die „Kronen Zeitung“ – muss für die Menschen in diesem Land die Instanz zur politischen Orientierung sein. Doch Politsendungen, die junge Menschen ansprechen, fehlen im ORF-Programm. Nur in Wahlkampfzeiten bemühen sich die Sendungsmacher, mit Diskussionssendungen zur politischen Teilnahme anzuregen, und scheitern damit regelmäßig.

Von der Sendung „Ich kann Kanzler“ könnte sich der ORF einiges abschauen. Das Format, eine Castingshow, kennen und mögen die Jungen. Hier freilich ohne Kandidatenbloßstellung, dafür mit Emotionen (für Politik!), Herausforderungen und lustigen „Leider nein“-Einspielungen in Form von Versprechern „echter“ Politiker. Erfrischend ist das Konzept auch, weil die Show Politik ohne Parteipolitik vermittelt. Es geht um eine „Idee für Deutschland“. Die Forderungen der Kandidaten reichen von Bildung über Steuerreformen bis zu Integration.

Gesellschaftlicher Mehrwert

Mehr als 2500 Menschen von 18 bis 35 Jahren hatten sich auf der Website zur Sendung mit einem Slogan sowie Fotos und Videos beworben. Die große Teilnahme zeigt: Man muss die Jungen dort „abholen“, wo sie sind, nämlich im Internet. Crossmediale Nutzung ist für Jugendliche heute selbstverständlich. Laut einer Studie der European Interactive Advertising Association (EIAA) nutzen in Europa 44 Prozent der 16- bis 24-Jährigen gleichzeitig TV und Internet.

Der ORF muss diese Crossmedialität erst noch lernen. Besonders Sendungen, die Jugendliche erreichen sollen, müssen durch Internetplattformen ergänzt werden. Auf diesen können die Zuseher sich untereinander und mit den Sendungsmachern vernetzen und diskutieren. Die ORF-Webseiten bieten derzeit meist nur Ankündigungen über Sendungsinhalte und damit nicht mehr als ein TV-Programmheft.

Der ORF muss crossmediale und innovative Sendungen anbieten, wenn er die Jungen nicht den Privaten und dem Internet überlassen will. Kreative Köpfe wären genug vorhanden. Es fehlt den Programmverantwortlichen an Mut zum Risiko. Und es erfordert ein Umdenken: Statt über schlechte Quoten zu meckern („Ich kann Kanzler“ erzielte übrigens auch nur mäßige Zuschauerzahlen), sollten neue Sendungen nach ihrem gesellschaftlichen Mehrwert und ihrer Qualität beurteilt werden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.06.2009)

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