Im Wortlaut: Rundfunk, Konvergenz und Zukunft
von Reinhard Christl
30. Oktober 2009
Ein Diskussionsbeitrag von Projektleiter Dr. Reinhard Christl im Rahmen der Parlamentarischen Enquete des Nationalrates zum Thema „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk – Medienvielfalt in Österreich“ am 17. September 2009 im Wortlaut:
„Meine sehr geehrten Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Präsident! Ich stehe hier als Leiter des Instituts für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien. Ich leite in dieser Funktion ein großes Forschungsprojekt zum Thema „Zukunft des öffentlich-rechtlichen Fernsehens“, das größte Forschungsprojekt zu dem Thema, das es in diesem Lande derzeit gibt.
Ich bedanke mich zuerst einmal dafür, dass es so etwas wie diese Enquete hier gibt. Das halte ich für eine großartige Veranstaltung. Ich habe allerdings zwei Kritikpunkte nach diesen fünf Stunden, die wir jetzt hier gesessen haben.
Erstens: Es geht mir ein wenig zu viel um die Vergangenheit und um die Gegenwart und ein bisschen wenig um die Zukunft des Fernsehens, der Medien und der Medienpolitik.
Zweitens: Es geht mir ein bisschen sehr viel um Fernsehen und Rundfunk im Sinne der althergebrachten Trennung und ein bisschen zu wenig um Multimedialität, Konvergenz, Internet und darum, was sich in diesen Dingen in Zukunft tun wird.
Deswegen ganz kurz vier Thesen. Keine Angst, ich erzähle Ihnen nicht das ganze Forschungsprojekt, sondern möchte Ihnen nur kurz vier Thesen präsentieren, die vorzustellen mir in diesem Hohen Haus auch angebracht scheint angesichts der Location, in der wir uns hier befinden.
These 1: Eine funktionierende Demokratie braucht Qualitätsjournalismus, und wir haben in Österreich zu wenig Qualitätsjournalismus. Das ist nicht nur ein gefühltes Defizit, wenn man am Kiosk steht und die etwas bescheidene Zeitungsauswahl betrachtet, sondern das ist auch durch internationale Untersuchungen belegbar. Und wir werden künftig noch viel weniger Qualitätsjournalismus haben, wenn wir uns die Entwicklung anschauen – Stichwort Medienkrise, Stichwort Finanzkrise, Stichwort Abwanderung der Werbeerlöse ins Internet.
These 2, nämlich die Folgerung daraus: Was muss passieren? – Ich glaube, wir brauchen völlig neue Finanzierungsformen für diesen Qualitätsjournalismus, egal ob im Fernsehen, im Print, im Radio, im Internet oder in der Kombination daraus. Wir brauchen völlig neue Wege, wie wir diesen Qualitätsjournalismus künftig bezahlen können, sonst werden wir ihn uns nicht mehr leisten können.
Das heißt für den ORF: Wir müssen über die Abschaffung der Gebührenbefreiung reden, die kommen wird – nicht die Abschaffung, sondern die Refundierung dieser Gebührenbefreiung –, wir müssen über die Bundes- und Länderanteile reden, die dem ORF bisher entgehen, wir müssen möglicherweise auch über Steuerfinanzierung reden. Und für die Privaten müssen wir über neue Finanzierungsformen wie Stiftungen, wie Subventionen und eine intelligentere Presseförderung reden.
These 3: Die Medienlandschaft ist in einem Umbruch, und zwar in einem Tempo, wie wir es in den letzten Jahrzehnten nie erlebt haben. Deswegen brauchen wir in der Medienpolitik Rahmenbedingungen, die auf 2020, 2030 schauen. Doch angesichts der Diskussion hier habe ich ein wenig das Gefühl, es geht ein bisschen zu sehr um die Gegenwart und teilweise auch um die Vergangenheit und zu wenig um diese Zukunft.
Eine letzte These, die das einmal ganz praktisch und journalistisch zugespitzt auf den Punkt bringt: Ich glaube, wenn es hier immer um die Gebühren und um die Werbefinanzierung des ORF geht, dass das irgendwann vielleicht eine philosophische Frage sein wird, denn wir hatten einmal ein Verhältnis Gebühren zu Werbeerlösen 1:1, jetzt sind wir bei 1:2, bald bei 1:3, und irgendwann wird sich das vielleicht auf eine philosophische Frage reduzieren.
Fazit des Ganzen: Wir brauchen mit Sicherheit in Österreich den großen und leistungsfähigen ORF, weil er derzeit das einzige Medienunternehmen ist, das sich Qualitätsjournalismus wirklich uneingeschränkt leisten kann – Printmedien können das teilweise nicht mehr –, wir brauchen aber darüber hinaus auch eine Diskussion über die Medienpolitik der Zukunft, die viel breiter sein muss als das, was heute teilweise zum Thema Gegenwart und Vergangenheit geboten wurde. – Danke schön.“
Link zum Protokoll der Parlamentarischen Enquete des Nationalrates
Link zur ORF-Übertragung aus dem Parlament als Video-on-Demand






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