Begehrte Werte: Medienleistungen für die Gesellschaft
von Regula Troxler
02. November 2010
Wie kann man den Pudding des Qualitätsjournalismus an die Wand nageln? – Mit „Public Value“, könnte eine der Antworten lauten. Zumindest kamen renommierte Fachleute aus Kommunikationswissenschaft und Medienpraxis bei einer zweitägigen Tagung an der FH Wien zu diesem Schluss: In der heutigen Medienlandschaft, die sich rasch wandelt und mit dem Internet zuvor ungeahnte Möglichkeiten der Beschaffung, Vernetzung und Weitergabe von Informationen bietet, ist Public Value ein brauchbares Konzept zur Definition der gesellschaftlichen Aufgaben von Medien geworden.
Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bietet Public Value die Möglichkeit, sowohl wettbewerbsfähig zu bleiben als auch Investitionen in neue Technologien zu rechtfertigen, erklärte Tim Suter, britischer Medienexperte, in seiner Keynote-Rede. Die zentralen Elemente seien dabei die Definition gesellschaftlicher Ziele, die Evaluierung von Public-Value-Leistungen sowie das Einverständnis des Publikums und der Mitbewerber. In diesem Zusammenhang sind die Forderungen des zweiten Keynote-Sprechers, Helmut Scherer von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, zu sehen: Das Publikum müsse nicht in seiner Rolle als Konsument/in einbezogen werden, sondern als Bürger/in. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei hierbei in einer Bringschuld: „Er muss ein Generator dafür sein, dass Partikularinteressen in Gemeinwohlinteressen transformiert werden. Er muss dazu die Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern herausfordern, auch mit denen, die sonst keine Stimme haben“, sagte Scherer.
Verantwortung
Gesellschaftliche Verantwortung wird aber nicht nur vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk übernommen, sondern zum Teil auch von privaten kommerziellen und nicht-kommerziellen Medien. Die Art und Weise der Definition dieser Leistungen für die Gesellschaft ist allerdings höchst kontrovers, wie die Diskussion der Vorträge von Anke Trommershausen von der Bauhaus Universität Weimar (Public Value in großen Medienkonzernen wie Apple oder IBM), Albert Malli (Public Value der Ö3-Aktion „Team Österreich“), Helmut Peissl (Public Value Freier Radios) und Markus Breitenecker (Public Value von privaten TV-Sendern wie Puls 4) verdeutlichte.
Für alle Medien höchst aktuell und brisant ist derzeit das Thema Migration: Viele Journalistinnen und Journalisten berichteten über Migrantinnen und Migranten höchst unkritisch und mit rassistischen Untertönen, kritisierte Assimina Gouma von der Universität Salzburg und appellierte an die gesellschaftliche Verantwortung des Qualitätsjournalismus bei diesem Thema.
Publikum
Neben der gesellschaftlichen Verantwortung der Medien wurde auch darüber diskutiert, ob Public Value eine Strategie sein kann, um vor allem das junge Publikum wieder verstärkt an öffentlich-rechtliche Sender zu binden. Die Mediennutzungsgewohnheiten der sogenannten „Digital Natives“, also jener Generation, die gewissermaßen bereits in eine Welt voller digitaler Medien „hineingeboren“ wurde, unterscheiden sich immer wesentlicher von jenen der älteren Bevölkerung. Vor allem der Fernsehkonsum geht bei Jugendlichen drastisch zurück. Diese Beobachtung bestätigten Birgit Stark von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Armin Wolf, Moderator der ORF-Nachrichtensendung „Zeit im Bild 2“. Er präsentierte Ergebnisse aus seiner kürzlich verfassten Master-Thesis, in der er sich mit der Mediennutzung Jugendlicher beschäftigt hat. In der Medienbranche hoffe man teilweise immer noch darauf, dass die heute Jugendlichen sich später verstärkt dem Fernsehen zuwenden würden, sobald sie einmal selbst Kinder hätten und abends öfter zu Hause wären. „Diese Hoffnung kann ich Ihnen nehmen“, so Wolf. „Menschen, die heute kaum Fernsehnachrichten schauen, werden es auch in zehn Jahren nicht tun.“
Dies bedeute aber nicht, dass den jungen Leuten klassische Nachrichtenberichterstattung egal wäre, relativierte Wolf das angebliche Desinteresse der jungen Leute. Vielmehr würden öffentlich-rechtliche Nachrichten als eine Art Grundversorgung betrachtet, auf die im Bedarfsfall, etwa bei entscheidenden Wahlen oder Katastrophen, zurückgegriffen werde, die aber nicht notwendigerweise täglich konsumiert werden müssten.
Von ähnlichen Ergebnissen berichtete Regula Troxler, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projektteams Public Value an der FH Wien: So habe der ORF bei österreichischen Jugendlichen laut einer vom Public-Value-Team durchgeführten Befragung ein durchaus positives Image. Obwohl sie die öffentlich-rechtlichen Sender persönlich wenig nutzten, schrieben junge Leute dem ORF einen hohen Wert für die Gesellschaft zu. Die Zahlungsbereitschaft für Gebühren sei bei Jungen aber deutlich geringer als bei Älteren – eine Legitimationsfrage, der sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk stellen müsse.
Um die Erwartungen des Publikums zu ermitteln, könne auch stärker auf das Internet zurückgegriffen werden, erklärte Christoph Neuberger von der Universität Münster. Aus konsumorientierter Sicht bedeute das Internet einen Transparenzgewinn sowohl für User/innen als auch für Anbieter/innen; aus demokratieorientierte Perspektive sei das Internet eine Plattform zur Artikulation von Medienkritik und Forderungen an den Qualitätsjournalismus.
Vielfalt
Welche Rahmenbedingungen braucht es für Qualitätsjournalismus und Public Value? Aus Praxissicht vor allem das persönliche Engagement von Journalistinnen und Journalisten, die trotz schlechter Bezahlung und Zeitdruck den „spannendsten Beruf der Welt“ hätten, meinte Silke Burmester, freie Journalistin aus Deutschland. In Österreich sei vor allem die Absicherung der Vielfalt zentrale Aufgabe der Medienpolitik, erklärte der Kommunikationswissenschaftler Thomas Steinmaurer. Wettbewerb um Qualität müsse aber auch im Online-Bereich stattfinden können, weshalb die Einschränkungen des neuen ORF-Gesetzes eine Schwächung für die Medienvielfalt bedeuteten. So ist etwa die Regionalberichterstattung auf orf.at auf 80 Meldungen pro Tag beschränkt – eine Gefahr nicht nur für die regionale Vielfalt, deren Bedeutung Gerhard Rettenegger am Beispiel des Landesstudios Salzburg skizzierte, sondern auch für die Pressefreiheit. Fritz Hausjell von der Universität Wien kritisierte ebenfalls das neue ORF-Gesetz, weil das Thema Migration darin nicht vorkomme. Die Repräsentation von Migrantinnen und Migranten sowie anderer Minderheiten im ORF sei aber eine zentrale Public-Value-Aufgabe zur Sicherung der Meinungsvielfalt in Österreich.
Beim abschließenden OKTO-Podium diskutierten junge Medienmacherinnen und Medienmacher Ideen und Potentiale für Qualitätsjournalismus. Ihre wichtigsten Forderungen für die Zukunft: Kreativität, der Einsatz neuer Technologien und Transparenz.
Links: Präsentationen sowie Fotos und Videos zur Tagung






bei Facebook
bei Twitter

