Public Value ist ein Forschungsprojekt über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Inseratenaffäre: Der Krieg zwischen den Zeitungen

von Markus Grammel

05. Oktober 2011

Hat Bundeskanzler Werner Faymann staatsnahe Betriebe dazu gedrängt, Inserate zu schalten, als er Verkehrsminister war? Diese Frage dürfte einige Tageszeitungen nur am Rande interessiert haben. Viel zu sehr waren sie damit beschäftigt, auf die Konkurrenz loszugehen.

Kommentar von Markus Grammel

In der Abendausgabe des Kurier vom 20. September kritisiert Chefredakteur Helmut Brandstätter den ORF mit heftigen Worten:

„Wer gestern den ORF gehört hat, erlebte ein besonderes Beispiel an Manipulation. Von einem angeblichen ‘Zeitungskrieg’ wurde da berichtet. Genau das will das Kanzleramt: dass alle von einer Auseinandersetzung zwischen Medien reden.“

Dabei muss man weder im ORF noch im Kanzleramt sitzen, um den „Zeitungskrieg“ für eine zutreffende und zulässige Beschreibung zu halten. Denn in den Tagen vor und nach dem 20. September geht es zwischen einigen österreichischen Tageszeitungen beim Thema Inserate tatsächlich heiß her.

Zwei Stilblüten aus dem Newsroom in der Friedrichstraße:

„Wenn es darum geht, die Vergabe von Regierungs-Inseraten zu kritisieren, trägt Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker dick auf: Faymann &Co. würden sich ‘Berichterstattung kaufen’ […] In eigener Sache hält der Presse-Chefredakteur freilich ordentlich die Hand auf.“ [Österreich, 13.9.2011]

„Wasser predigen -Wein trinken: ‘Kleine Zeitung’ kassierte […] Dabei war die Kleine bisher Speerspitze der Kritiker von Inseraten staatsnaher Betriebe an auflagestarke Zeitungen.“ [Österreich, 25.9.2011]

An der Sache vorbeigeschrieben

Mit der Aufklärung des eigentlichen Vorfalls – dem möglichen Fehlverhalten von Werner Faymann und Josef Ostermayer bei der Vergabe von Inseraten an Boulevardmedien – hat das nichts mehr zu tun. Doch die Kriegsführer sind nicht nur bei Österreich daheim. Auch der Kurier schießt scharf auf seine Konkurrenz:

„Und Faymanns Inseraten-Politik hat zum Überleben des Fellner-Abenteuers Österreich wesentlich beigetragen. Dass er im Fellnerischen journalistischen Gegengeschäft gleich zum Austro-Obama hochgeschrieben wurde, war selbst ihm dann zu peinlich.“ [Peter Rabl, Kurier, 18.9.2011]

Der Gegenangriff lässt nicht lang auf sich warten. Österreich prophezeit nur einen Tag später das Ende von Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter (mit Anschuldigungen, die in der Form nicht stimmen)

„Peinliche Affäre um KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter. Er machte den ÖBB ein Angebot für Lobbying. […] Er hat in seinem Job als „PR-Berater“ noch wenige Tage vor seiner Bestellung zum KURIER-Chefredakteur ausgerechnet den ÖBB eine „Lobbying-Beratung“ gegen Geld angeboten […] und dürfte das Aus für Brandstätter beim KURIER bedeuten.“ [Österreich, 19.9.2011]

Verbale Attacken auch zwischen Heute und Kurier – in Form eines Frage-Antwort-Spiels:

„Er (Faymann, Anm.) ist über ehemalige Mitarbeiter involviert bei der Gratiszeitung Heute – Zufall, dass dort die Powerlady des Dichand-Clans Herausgeberin spielen darf. Die Eigentumsverhältnisse sind via verwinkelter Stiftungskonstruktionen getarnt, man denkt sich seinen logischen Teil.“ [Peter Rabl, Kurier, 18.9.2011]

Die Reaktion: „Das Lächerlichste überhaupt ist die Behauptung, die SPÖ sei der Eigentümer von HEUTE. Das ist zu 100% unrichtig. Das Gerücht stammt aus dem Raiffeisenumfeld (Raiffeisen hält 50,56 % am Kurier, Anm.), wo man es anscheinend nicht verträgt, dass es in Österreich ein finanziell völlig unabhängiges, extrem erfolgreiches Medium gibt, das nicht am Gängelband der Raiffeisen hängt. Es gibt nur zwei, die Einfluss auf HEUTE haben: ich und Wolfgang Jansky. Wir verwehren uns gegen die laufend falschen Unterstellungen der ÖVP.“ [Eva Dichand, Heute, 30.9.2011]

Doppelt hält besser

In Fahrt gekommen, geben Heute und Kurier gleich noch einmal ihr Bestes, um die Glaubwürdigkeit des Konkurrenzblattes zu untergraben:

„Werner Faymann strahlte jedenfalls gestern aus den Gratiszeitungen Österreich und Heute […] Und warum sind die Inserate optisch kaum von redaktionellen Beiträgen zu unterscheiden?“ [Kurier, 23.9.2011]

Die Reaktion: „In der heutigen “Kurier”-Ausgabe wird “die kaum von redaktionellen Beiträgen zu unterscheidende Gestaltung” des “Heute”-Inserats kritisiert. Doch in derselben “Kurier”-Ausgabe findet sich eine ganzseitige Schaltung der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), die wie ein redaktioneller Beitrag aussieht (siehe Faksimile rechts). Die BIG gehört übrigens dem Bund.“ [Heute, 23.9.2011]

Zwischen aller Kritik an der Konkurrenz gesteht sich der eine oder andere dann doch ein, dass er selbst auch nicht auf Inserate verzichten kann:

„Der KURIER freut sich, wie jede Zeitung, über Anzeigen“ [Helmut Brandstätter, Kurier Abendausgabe, 20.09.2011]

„Aber öffentlichen Institutionen (Ministerien ebenso wie Bundesländern oder großen Unternehmen) ganz das Inserieren zu verbieten, wäre ein Schuss ins Knie. Wirtschaftlich in jenes der Medien, welche auch daraus Einnahmen lukrieren. […]“ [Peter Pelinka, Heute, 27.9.2011]

Für Heute, Kurier und Österreich hoffentlich kein Schuss ins Knie, den Leserinnen und Lesern mit solch tendenziöser Berichterstattung aufzuwarten.

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